Ayurveda & Hildegard von Bingen

Brückenbau zwischen zwei Welten

Hildegards Schriften zur Heilkunde, die sie in der "causae et curae" in 5 Büchern zusammenfasste, entstanden zwischen 1150 und 1160. Bei den Empfehlungen handelte es sich um eine alte Volksmedizin aus dem Mittelalter, teils sogar aus der Antike. Hildegard von Bingen hat die Volksmedizin mit ihrer Gesamtsicht des Menschen und mit ihren Erkenntnissen wertvoll ergänzt und interpretiert. 


Der Ayurveda ist eine Jahrtausende alte Wissenschaft, die auf den Erkenntnissen aller Sinneswahrnehmungen auf Praxis, Beobachtung und Schlussfolgerung basiert. Wie auch Hildegard von Bingen, Marie Curie oder Alchimedes, gewannen auch die indischen Rijis wichtige Erkenntnisse in dem Zustand, den man heute als Meditation bezeichnet. Vor etwa 3.000 Jahren wurde die Lehre erstmals in den 6 Schriften des Ayurveda aufgeschrieben. 


Wie der Ayurveda sieht auch Hildegard von Bingen den Menschen als Mikrokosmos, als "kleine Welt" des Makrokosmos, des Universums. Diese Welt sieht sie von einer einheitlichen Kraft durchdrungen, die sie die "heilige Grünkraft" (sancta viriditas) nennt, was man heute wohl als kosmische oder göttliche Energie bezeichnen würde. Natürlich verbindet Hildegard von Bingen als Äbtissin eines Benediktinerordens diese Energie mit Gott.


Im Ayurveda wird diese Energie atma genannt, welche auch als die Seele bezeichnet werden kann, die ermöglicht, dass aus dem Universum und der kosmischen Intelligenz das feinstoffliche "Ego" entsteht. Dabei handelt es sich um rajas, tamas und sattva. Aus ihnen entstehen im weiteren Schöpfungsprozess die fünf Elemente und mit ihnen alle Lebewesen und Nichtlebewesen


Egal ob wir uns mit der christlichen Denkweise oder der ayurvedischen identifizieren können, wichtige Voraussetzung für eine gesunde Lebensführung sehen beide in einem Leben im Einklang mit der Natur und den Mitmenschen. Denn nur wer sich selbst als Teil der Schöpfung begreift, begegnet ihr gemäß Hildegard von Bingen mit Respekt. Nach dem Ayurveda sind wir Menschen als Mikrokosmos im Makrokosmos eins mit der Natur. Was wir der Umwelt antun, tun wir auch uns selbst an und umgekehrt.


Hildegard von Bingen sieht den Menschen darüber hinaus als Einheit von Körper und Seele, in der eine Heilung des Körpers nur mit der Heilung der Seele einhergehen kann und umgekehrt. Sie setzt unter anderem auch auf die Wirkung positiver und negativer Gedanken auf den Gesundheitszutand des Menschen. Entsprechend betrachtete Hildegard von Bingen immer den ganzen Menschen und nie einzelne Beschwerden isoliert. Auch das hat sie mit dem Ayurveda gemein.

 

Der Ayurveda betrachtet das Leben (ayuh) wie einen Dreifuß aus Körper, Geist und Seele. Sie bilden die Basis des Lebens. Gemäß der indischen Philosopien liegt die Ursache jeglichen Leids in der Anhaftung und/oder der Identifikation mit unerfüllten Wünschen.

 

Mit dem Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele im weitesten Sinne beschäftigt sich in der modernen Medizin übrigens die Psychosomatik und Somatopsychologie.

 

Die Pflanzen und eine maßvolle und ausgewogene Ernährung  sieht Hildegard von Bingen als wichtigste Heilmittel und ein besonnenes, maßvolles Leben als Grundvoraussetzung, den eigenen Körper und sich selbst wieder besser kennen zu lernen. Das angemessene Maß sollte nach ihrer Auffassung ebenso beim Fasten berücksichtigt werden. Es gäbe Menschen, für die bereits drei Tage das richtige Maß seien, andere könnten durchaus mehrere Wochen fasten. Auch Hildegard von Bingen ist aufgefallen, dass die Menschen unterschiedlich sind und dass es auf das richtige Maß für den jeweiligen Menschen ankommt.


Dem Ayurveda ist es an dieser Stelle gelungen, die Differzierung der Menschen zu beschreiben und eine Art Klassifizierung herzuleiten, durch die es der indischen Lehre möglich ist, den jeweiligen Menschen eine individuelle Anleitung nicht nur für das Fasten, sondern darüber hinaus für die Ernährung und das ganze Leben zu geben. Eine maßvolle und ausgewogene Ernährung und ein besonnenes und maßvolles Leben gemäß der individuellen Konstitution des jeweiligen Menschen sind die Grundvoraussetzung für ein gesundes und glückliches Leben.


In ihrer Lehre von den Elementen und Körpersäften beschreibt Hildegard von Bingen die Zusammenwirkung der vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde, die in allem sind und so fest zusammen halten, "dass man sie das Firmament nennt" (causae et curae). Sie schreibt weiter: "Wenn die Elemente im Menschen geordnet wirken, erhalten sie ihn ebenso und machen ihn gesund. Wenn sie aber in ihm nicht harmonisieren, machen sie ihn krank und bringen ihn um."


Der Ayurveda beschreibt zusätzlich zu diesen vier Elementen das Element Äther (Raum). Aus diesen fünf sogenannten mahabutas entsteht alle Materie, einschließlich dem Menschen. Sie bilden in unterschiedlichen Zusammensetzungen die doshas vata, pitta und kapha. Jeder Mensch und jede Materie - auch jedes dosha - besitzt alle fünf Elemente, jedoch in unterschiedlicher Gewichtung. Sind die Elemente gemäß der Konstitution im Einklang, ist der Mensch gesund. Wirken jedoch beispielsweise zu viel Äther und Luft in Form von Stress (vata) auf den Körper ein und es findet kein Ausgleich durch vata-reduzierende Ernährung und Lebensweise statt, wird der Mensch krank.

 

Hildegard von Bingen hat aufgeschrieben, was ihr zu ihrer Lebenszeit an Überlieferungen und Erkenntnissen zur Verfügung stand und damit einen Einblick in die damals zur Verfügung stehenden Lebens- und Heilmittel gegeben. Sie "war eine große Heilkundige, wie es die "Kräuterfrauen" der keltischen und germanischen Frühzeit waren. Da sich ihre Heilerfolge oft nicht rational erklären ließen, wurden sie als eine Art Wunder betrachtet. Viele andere erfolgreiche Heilerinnen wurden stattdessen über Jahrhunderte eher als Hexe gebrandmarkt, weil sich die Kirche deren ungewöhnlichen Heilerfolge zur damaligen Zeit nicht erklären konnte.

 

Der Ayurveda, die Wissenschaft des langen Lebens, war hingegen für jedermann bestimmt. Er wurde gelebt. Neben der detaillierten Beschreibung der Wirkungsweise konkreter Heil- und Lebensmittel beschreibt der Ayurveda auch eine allgemeine Herangehensweise für die Betrachtung nicht in der Charaka Samhita, dem Regelwerk des Ayurveda, erfassten Heil- und Lebensmitteln. Auf diese Art und Weise ist es möglich, unsere, in Indien nicht bekannten Heil- und Lebensmittel im Sinne des Ayurveda zu klassifizieren und anzuwenden. Eine Aufgabe, derer sich Institute wie die Europäische Akademie für Ayurveda in Zusammenarbeit mit Forschungsinstituten unter anderem angenommen haben. Ayurveda "verbindet die alten Traditionen und die Bedürfnisse in unserer modernen Welt und schenkt uns innovative und ganzheitliche Lebenskonzepte, mit denen jeder Mensch sein Leben neu gestalten kann".